Spotlight

 

Eine Institution, die beansprucht, nach eigenen Gesetzen zu handeln

Es gibt zurzeit kein Thema, das mehr die Schlagzeilen bestimmt und die Diskussionen emotionalisiert als die Flüchtlingsproblematik. Es gibt aber auch noch andere relevante Probleme, die wir nicht aus den Augen verlieren sollten. Dazu gehört nach wie vor die fragwürdige politische und moralische Rolle, die die Kirchen in unserem Land, aber auch zum Beispiel in den fernen USA spielen.

Was das zweifelhafte, geradezu flächendeckende politische Agieren der Kirchen in Deutschland angeht, so hat vor wenigen Wochen der Politologe Carsten Frerk eine Untersuchung vorgelegt, die das ungesetzliche, verfassungswidrige, an Korruption grenzende Treiben der Kirchen detailliert aufdeckt. Sein Buch »Kirchenrepublik Deutschland« habe ich auf den Seiten des Humanistischen Pressedienstes unter dem Titel »Die Gottesfraktion als verdeckt mitbestimmende Überpartei« rezensiert (siehe …hpd.de!). Die politische Brisanz dieses Buches ist so hoch, dass es in der Presse und im Rundfunk bisher nur sehr zurückhaltend »angefasst« wurde. Das ist nicht verwunderlich bei einer Medienlandschaft, die in vielerlei Hinsicht – trotz aller auch kritisch eingestellter Berichte – den undemokratisch agierenden Kirchen mehr als gewogen ist.

Verflechtungen und gegenseitige Abhängigkeiten zwischen den Verantwortlichen im Staat, in den Medien und den Kirchen, allgemeiner: den Religionen, zeigen sich nicht nur in Deutschland, sie treffen selbstverständlich auch auf andere Staaten zu. In diesen Tagen ist ein Film angelaufen, der am Sonnabend, den 28.2.2016 als bester Film sogar einen Oscar erhalten hat. Es handelt sich um den Film »Spotlight«, der sich mit dem Missbrauch von Kindern durch katholische Priester in den USA befasst. Auffällig war im hiesigen Rundfunksender »inforadio RBB«, dass in den ersten Meldungen zur Oscar-Verleihung nur der Titel des – der Redaktion durchaus schon inhaltlich bekannten – Films genannt wurde, kein einziges Wort fiel zum Inhalt. Dagegen wurden über die anderen Preisträger schon gleich relativ ausführliche Erklärungen geliefert. Man hatte den Eindruck, dass die Nachrichtenredaktion erst eine Sprachregelung von »ganz oben« abwartete, bevor Begriffe wie »Missbrauch«, »katholisch« oder »Priester« verwendet werden dürfen.

Der Inhalt des Filmes ist kurz folgender:

Der Film »Spotlight« befasst sich mit dem sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in der US-amerikanischen Stadt Boston und zeichnet dabei die tatsächlichen Geschehnisse dokumentarisch nach. Ein Team von Journalisten der Zeitung »The Boston Globe« recherchiert und stößt trotz aller Widerstände auf immer mehr Priester, die sich des sexuellen Missbrauchs von Kindern schuldig gemacht hatten. Waren die Vergehen an diesen Kindern schon schlimm genug, so waren die Vertuschungsaktionen seitens der Kirche, namentlich des Erzbischofs von Boston, aber auch vieler anderer bis in verschiedene gesellschaftliche Schichten hinein, ebenso gravierend und strafwürdig. Es handelt sich um ein Verhalten verantwortlicher gesellschaftlicher Funktionsträger, die den Ruf einer Institution wie der Kirche als sakrosankt, als unverletzlich und unantastbar ansehen. Die Kirche erscheint als eine Institution, die sich zwar als Quelle und Hort der Moral ausgibt, aber alle Regeln dieser Moral rigoros mit Füssen tritt, wenn sie ihre Rolle als höchste moralische Instanz gefährdet sieht.

Der Inhalt des Filmes liefert ein eindrucksvolles Beispiel investigativen und mutigen Journalismus. Zu Recht wurde der Zeitung Boston Globe 2003 dafür der Pulitzer-Preis, ein begehrter US-amerikanischer Journalisten- und Medienpreis, verliehen. Mich stimmt leicht optimistisch, dass trotz aller Geldgier und trotz des verbreiteten Wohlverhaltens gegenüber einer übermächtigen Kirche einzelne Aufrechte widerstehen und sich nicht beugen lassen. Nicht alle schielen nur auf möglichst hohe Verkaufszahlen einer Zeitung und lassen daher unbequeme Themen nicht unter den Tisch fallen, und nicht alle lassen sich in ihrem Verhalten von einer frömmelnden Instanz steuern, die ihnen in ihrer Kindheit und Jugend obrigkeitsergebenes Denken einflößte.

Ich habe die nicht ganz unbegründete Hoffnung, dass auch bei uns mehr aufrichtige Charaktere so denken und handeln als es uns manchmal scheinen mag, wenn man die Grenzen weltanschaulicher und politischer Aufklärungsarbeit täglich vorgeführt bekommt.

Prof. Uwe Lehnert

 

Prof. Uwe Lehnert
Prof. Uwe Lehnert

Nach seinem Abitur 1956 in Oldenburg studierte Uwe Lehnert von 1956 bis 1965 Nachrichtentechnik und Elektronik und erreichte als Abschluss den Diplom-Ingenieur. 1972 erhielt er eine Anstellung als Hochschullehrer für das Gebiet Didaktik des Rechnerunterstützten Unterrichts an der Pädagogischen Hochschule Berlin und 1976 erreichte er eine ordentliche Professur für das Gebiet Unterrichtswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der EDV an der Pädagogischen Hochschule Berlin. Ab 1980 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2002 war Lehnert als Lehrstuhlinhaber für Bildungsinformatik an der Freien Universität Berlin tätig.

Als Autor schrieb er mehrere Bücher zur Bildungsinformatik sowie nachberuflich ein religions- und kirchenkritisches Plädoyer für den säkularen Humanismus, das 2009 unter dem Titel Warum ich kein Christ sein will erschien und inzwischen in 6. Auflage (2015) vorliegt.

Lehnert ist Mitglied im Humanistischen Verband Deutschlands und Fördermitglied der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs); sowie des Evolutionäre Humanisten Berlin-Brandenburg e.V. (EHBB), einer Unterorganisation der Giordano-Bruno-Stiftung. Außerdem ist er Mitglied im Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) sowie im Freidenkerbund Österreichs, wo er auch im Beirat sitzt. (Prof. Uwe Lehnert)