Begreifen – Bewahren

Gedanken zum Thema: Begreifen, befriedigen und bewahren.

Oskar Graf war das neunte Kind des Bäckermeisters Max Graf und der Bauerntochter Therese, geborene Heimrath, er wurde in Berg am Starnberger See geboren. Nach dem Tod seines Vaters 1906 erlernte er dessen Handwerk und arbeitete in der durch den Bruder Max übernommenen Bäckerei. Im Jahre 1911 floh Graf vor den Misshandlungen durch seinen Bruder Max nach München in der Hoffnung auf eine Existenz als Dichter. Er schloss sich dort Boheme-Kreisen an und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten, etwa als Posthelfer oder Lift Boy durch. 1916 sollte Graf wegen Befehlsverweigerung abgeurteilt werden. Er wurde jedoch in eine Irrenanstalt eingewiesen und nach einem zehntägigen Hungerstreik schließlich aus dem Militär entlassen. Anfang 1919 war Oskar Maria Graf wegen Teilnahme am Munitionsarbeiterstreik kurzzeitig inhaftiert worden. Ab 1920 war Oskar Maria Graf als Dramaturg am Arbeitertheater DIE NEUE BÜHNE tätig, bis ihm 1927 mit seinem autobiografischen Werk WIR SIND GEFANGENE der literarische Durchbruch gelang, der ihm eine Existenz als freischaffender Autor ermöglichte. Am 17. Februar 1933 fuhr er zu einer Vortragsreise nach Wien. Dies war der Beginn seines anfangs „freiwilligen“ Exils. Da seine Bücher nicht der Bücherverbrennung durch die Nazis zum Opfer fielen und ihre Lektüre sogar empfohlen wurde, veröffentlichte er am 12. Mai 1933 in der Wiener Arbeiterzeitung den Aufruf:
„Verbrennt mich! Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!“ Ein Jahr später, 1934, wurden seine Bücher in einer eigens für ihn angesetzten Bücherverbrennung im Innenhof der Münchner Universität nachträglich verbrannt und seine Werke in Deutschland verboten, er selbst am 24. März ausgebürgert. Oskar Maria Graf starb im Juni 1967 in New York. Ein Jahr nach seinem Tod wurde seine Urne nach München überführt und auf dem alten Bogenhausener Friedhof beigesetzt.(1) In seiner Autobiographie schreibt Oskar Graf über Moral: „Es war ja alles Unsinn, was die Dichter und Philosophen daherredeten von Moral, von Ethik und Charakterfestigkeit, vom Idealismus und weiß Gott was für guten Eigenschaften. Diese Eigenschaften waren letzten Endes alle untergeordnet – das Geld machte sie oder löschte sie aus.“(2)
Oskar Graf hat auf seinem Lebensweg immer wieder aufs Neue begreifen müssen, dass er das für ihn Sinnvolle, das für ihn Wertvolle und das für ihn Angenehme nur in sich selbst finden kann.
Was uns Menschen etwas Wert ist, hängt im Wesentlichen von den jeweiligen sozialen Verhältnissen in denen wir leben ab. Jede Zeit und jede Gesellschaft ideologisiert sich. Und zwar in ihren sämtlichen geistigen Offenbarungsformen, sie ideologisiert sich in ihrer Philosophie, in ihrer Wissenschaft, in ihren Rechtssystemen, in ihrer Literatur, ihrer Kunst, ihren Lebensregeln. Das geschieht, indem sie bestimmte Vorstellungen, Regeln und Gesetze ihrer Werte und Visionen aufstellt und dadurch etwas konstruiert, das zum Ideal erhoben wird. Sämtliche Ideologien einer Zeit sind von deren Wesen abhängig, denn diese sind nichts anderes als die besonderen Lebensgesetze und Lebensinteressen der Haupttendenz eines Zeitalters, sie können um so großartiger und kühner sein, je gewaltiger der Sieg der Menschlichkeit ist, den eine Epoche darstellt, und je umfangreicher die Möglichkeiten sind, die sich der Zeit dadurch aufgetan haben, im gegenteiligen Sinn selbstverständlich auch erbärmlicher und abstoßend.
Zum Lebensgenuss befähigende, körperliche und seelische Gesundheit zu besitzen und sich emotional und vom Verstand inspirierte Kreativität erarbeiten zu können, um so in zwischenmenschlichem Mit- und Füreinander zu wirken, sind hohe ethische Werte des Mensch-Seins. Diesen Werten entsprechend bewusst zu leben motiviert uns, Wahrhaftiges und Wirkliches begreifen, alle unser Dasein bedingende Bedürfnisse befriedigen und das offenbare Sein in seiner Schönheit bewahren zu wollen.
„Was ist Gesundheit überhaupt“, fragt Dr. Dolf Künzel in seinem Ratgeber zur gesunden Lebensweise. „Manche Ärzte unken, dass sie leichter zu erhalten als zu definieren sei“, antwortet der Obermedizinalrat darauf. Sicher sei Gesundheit mehr, als nur das Freisein von Schmerzen oder anderen Beschwerden. Die Weltgesundheitsorganisation habe eine Definition gegeben, die besage, dass Gesundheit das Völlige Körperliche, geistige und soziale Wohlbefinden bedeute. Diese sehr umfassende Definition, die auch sehr klar die gesellschaftlichen Aspekte einbeziehe, sei zweifellos richtig. Aber sie sei wohl ungeeignet für Zwecke der unmittelbaren ärztlichen Tätigkeit. Das soziale Wohlbefinden werde unter anderem auch von Neid, Missgunst und Unzufriedenheit beeinträchtigt. Und das seien keine medizinischen Kategorien. (3) Dennoch bestimmt auch die körperliche Gesundheit wesentlich das psychische und soziale Wohlbefinden eines Menschen.
Ideologien entstehen im Bewusstsein der Menschen durch Reflexion ihrer jeweiligen Lebensverhältnisse. Sie äußern sich in Vorstellungen, die durch Sprache, Verhaltensweisen, Literatur, Kunst, Wissenschaft, Religion und so weiter vermittelt, Auskünfte und Empfehlungen aber auch Richtlinien und Vorschriften darüber geben, wie man sein Leben gestalten sollte.
Mahatma Gandhi wollte das Mensch-Sein in seiner Schönheit bewahren. Er nahm die Menschlichkeit beim Wort und offenbarte die Macht der Gewaltlosigkeit.
Ende 1931, nach langen Jahren des passiven Widerstandes, war das großmächtige britische Imperium bereit, den Gewaltlosen anzuhören. Gandhi fuhr nach England, er reiste im selbstgewebten Sarong barhaupt und mit einem Bündel. Aber er vertrat mehr als 300 Millionen Inder. Der Pass Beamte fragte: „Beruf?“: „Armer Bettler!“, „Vermögen?“, „Sechs weiße Hosen, zehn Liter Ziegenmilch und der Weltruhm, der nichts Wert ist.“ – Gandhi, den sein Volk „Mahatma“ – die große Seele – nannte, war als Sohn einer kastenstolzen Familie geboren worden. Er studierte in London und wurde Rechtsanwalt. Vor dem ersten Weltkrieg vertrat er die Interessen seiner Landsleute in Südafrika, seit 1918 arbeitete er in Indiens Nationalbewegung für Unabhängigkeit des Landes. Er wollte die Völkerschaften Indiens zu einer brüderlichen Gemeinschaft zusammenführen. Pandit Nehru, der Führer der Hindus, war sein Jünger, ebenso Ali Jinnah, der Vertreter der Moslems. – Das Geheimnis Ghandis war Selbstlosigkeit, seine Frömmigkeit und umfassende Liebe zu allem Leben. Er sagte: „Ich billige keine böse Tat, ganz gleich für welchen Zweck sie auch geschehe!“ Oder: „Man Muss frei sein von der Furcht vor den Fürsten, vor dem Volk, vor den Angehörigen, vor wilden Menschen und Tieren, vor dem Tode!“ – Er kämpfte, indem er Bürgerkrieg, Aufruhr, Gewalttat der anderen, Rassenhass und Kastenzwist durch Fasten büßte und fastend die Gegner zum Frieden zwang. Er wollte keine Gewalt, er wünschte Indien frei, doch der Weg zur Freiheit sollte nicht über die Gräber gefallener Helden führen. Seine Kampfmittel waren Boykott englischer Waren und ziviler Ungehorsam. Er siegte, weil es kein Mittel gab, Gewaltlosigkeit mit Gewalt zu unterdrücken. 1948 Schoss ihn ein fanatischer Hindu nieder. (4)

Frank Nöthlich

 

( 1) Oskar Graf Wikipedia
( 2) O. M. Graf ZITATENLEXIKON Bibliographisches Institut Leipzig 1983
( 3) Dolf Künzel VORBEUGEND HEITER! Verlag Volk und Gesundheit Berlin 1990
( 4) Verlegt bei Kaiser – GROSSE MÄNNER DER WELTGESCHICHTE 1987

 

Frank Nöthlich, geb. 1951 in Neustadt / Orla, Thüringen, verheiratet, zwei Kinder, fünf Enkelkinder. Studium der Biologie, Chemie, Pädagogik, Psychologie und Philosophie von 1970 bis 1974 in Mühlhausen/Thüringen. Nach dem Studium war er an verschiedenen Bildungseinrichtungen als Lehrer tätig. Von 1985 bis 1990 war er Sekretär der „Urania-Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse“. Derzeit arbeitet er als Pharmaberater. Als stetig Suchender fand er 1991 in der Weltbruderkette der Freimaurer einen Hort des gemeinsamen Suchens nach Menschenliebe und brüderlicher Harmonie.