Mein Leben in der Komfortzone

Wie alle Systeme verweilen wir gerne in unserem (emotional-) energetischen Grundzustand; hier sind wir langfristig stabil (Damasio spricht von Homöostase [1]). In kurzfristig angeregte, instabile  Zustände gelangen wir aus eigener Kraft oder durch Störungen von aussen. Und immer wieder fallen wir in unseren Grundzustand, unsere Komfortzone, zurück.

Werden wir durch Störungen von aussen dauerhaft angeregt, können wir uns entweder dagegen wehren („NEIN“ sagen) oder wir verlieren unsere Stabilität und gehen im wahrsten Sinne des Wortes kaputt.

Regen wir uns hingegen kontrolliert selber an, dann erweitern wir sukzessive unseren Grundzustand
und somit die Zahl der Situationen, in denen wir uns wohlfühlen können und wollen.

 

  1. Leben und Situationen

    Mein Leben ist eine Abfolge von Situationen, in denen ich mich befinde.
    Und jede Situation ist mindestens gekennzeichnet durch Ort und Zeit und ihren sozialen Kontext.

„Das Selbst hat Prozess-Charakter, d.h. es verläuft und verändert sich in der Zeit. Es ist also nichts Konstantes, sondern nimmt in Abhängigkeit von den Situationen, in denen es sich befindet, auf die es sich bezieht und in denen es sich aktualisiert, immer wieder andere Formen an.“ [2]
„Wir sind nichts anderes als unsere Situation.“ [3]

Die Situation, in der ich mich gerade befinde, ist eine, die ich selbst gewählt habe.
So werde ich mich z.B. am 3.2.2016 auf der Insel Norderney befinden.
Und morgen werde ich ganztägig im Büro sein.

Oder ich befinde mich in einer jener Situationen, die ich bewusst nur deshalb gewählt habe, weil alle anderen Alternativen für mich eine schlechtere Wahl gewesen wären, z.B. bei der Berufswahl.

Oder ich erlebe jede Situation so, als hätte ich sowieso keine Gestaltungs- und Handlungsspielräume.

Oder ich befinde mich ohne jedes eigene Zutun in einer Situation, z.B. als Frau in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof inmitten einer Horde von Grapschern oder in einem Haus, auf dessen Dach gerade ein Baum infolge eines Unwetters gestürzt ist (oft auch „Schicksalsschläge“ genannt).

Immer kann ich wählen und immer kann ich entscheiden.
Selbst im Fall von „Schicksalsschlägen“ kann ich immer noch entscheiden, wie ich mit der Situation umgehen, welche Haltung ich ihr gegenüber einnehmen will.
Dies hat sehr eindrucksvoll Viktor Frankl hinsichtlich seiner Situation im KZ gezeigt [4].

  1. Wahrnehmung von Situationen

Wie ich eine Situation wahrnehme, hängt nun immer auch vom jeweiligen sozialen Kontext ab:
ich kann z.B. eine Urlaubsreise gebucht haben, fühle mich am Urlaubsort aber nicht wohl, weil mir die anderen Urlauber auf die Nerven gehen.

Oder ich nehme in meinem Beruf an einer Sitzung teil und es nervt mich, dass so viele Schwätzer ebenfalls teilnehmen und schlussendlich kein Ergebnis herauskommt, ich meine Zeit letztlich verschwendet habe.

Lapidar gesagt:
Ich fühle mich in Situationen entweder wohl oder unwohl.

Und eins meiner Grundbedürfnisse ist, dass ich mich in Situationen wohl fühle.

  1. Das Thema „Stress“

Unwohl fühlen ist identisch mit dem Erlebnis von „schlechtem“ Stress: Ich bin an- oder aufgeregt,
ich empfinde eine innerliche, emotionale Energie, aber eine Energie, die mir nicht guttut. Eine Energie, die ich so schnell wie möglich wieder loswerden will. Die Gegenmittel sind bekannt: Frustkäufe, Schokolade essen, Rauchen, sich zurückziehen etc. etc. Oder auch Verarbeitung „im Inneren“, was dann zu Magengeschwüren, Burn Out oder ähnlichen Krankheitsbildern führen kann.

Wohl fühlen hingegen ist das Erlebnis von keinem oder „gutem“ Stress: Wieder bin ich an- oder aufgeregt, aber ich empfinde ein gutes Gefühl oder sogar Glück dabei: Eine Herausforderung ist erfolgreich bewältigt, ich habe mich angestrengt, es hat Spaß gemacht und das Inkaufnehmen von „gutem“ Stress hat sich gelohnt [5].

Aus der Erlebnispädagogik [6] stammt die Unterscheidung von Komfort-, Lern- und Panikzone:
Das überwiegende Erlebnis von stressfreien Situationen ist ein Leben in der Komfortzone. Erlebe ich Situationen, die von „gutem“ Stress geprägt sind, befinde ich mich in der Lernzone (vgl. die Formulierung: „ein Leben am Limit“). Erlebe ich hingegen zu oft oder dauerhaft „schlechten“ Stress, so gerate ich u.U. – je nach Intensität des Stresses – in die Panikzone, in der ich mich nicht mehr kontrollieren und nur noch instinktiv re-agieren kann.

  1. „Unwohlfühl“-Situationen

sind Situationen, in denen ich schlechten Stress verspüre, Situationen, die mich auf Dauer krank machen.  Die Symptome bringen mich schnell in den Bereich der Medizin und/oder Therapien, wenn es sich um private Situationen handelt oder (zunächst) in den Bereich von Beratung und/oder Coaching, wenn es sich um berufliche Situationen handelt.
Ich muss dann lernen, besser mit meinem „schlechten“ Stress umgehen zu können, meine Widerstandskraft erhöhen (Resilienz) und im schlimmsten Fall bekomme ich zu hören. „Stell dich doch nicht so an“ und werde schnell in die Ecke der Verlierer oder Looser gestellt.

  1. „Wohlfühl“-Situationen

Wenn es eines meiner Grundbedürfnisse ist, mein  Leben in „Wohlfühl“-Situationen zu erleben:
Wie kann ich dieses Grundbedürfnis stillen?

Ich kann versuchen, einer Vermeidungsstrategie zu folgen, in dem ich versuche, alle Situationen zu vermeiden, in denen ich mich schlecht fühle, in denen ich „schlechten“ Stress verspüre.
Das wäre dann ein Leben im „Ausweichmodus“, ich  laviere mich so durch’s Leben und re-agiere mehr oder weniger erfolgreich so, dass ich mich nicht schlecht fühle. Ich vermeide Konflikte oder setze mich mit Konflikten nicht auseinander, weil ich meine Ruhe haben will (ob ich mich in solchen Fällen wirklich nicht schlecht fühle, sei einmal dahingestellt).

Hier wäre das Ergebnis allerdings eher ein „Nicht-schlecht-fühlen“.  Ich lebe nach dem Prinzip:
Ich will mich nicht schlecht fühlen“.

Und wenn ich mich dann doch schlecht fühle, sind es meistens andere, die ich dafür verantwortlich mache: „Aber mein Chef verlangt nun mal die Überstunden“ oder „Petra? Hör mir auf: DIE ist doch schuld, dass ich nicht immer zum Kaninchenzüchterverein kommen kann“.
Ich kann aber auch versuchen, einer Strategie zu folgen, nach der ich meine Handlungsoptionen auslote und darauf basierend, versuche, meine Situationen aktiv so zu gestalten, dass ich mich nicht nur nicht schlecht fühle, sondern dass ich mich ausdrücklich wohl fühle:
Ein Leben im „Gestaltungsmodus“.

Auch hier sind die Alternativen wohl bekannt:
Ich fördere mein „Wohlfühlen“ durch eine Vergrößerung meines „Habens“, kaufe also immer mehr, schöner, teurer und noch besser. Oder ich fördere mein „Wohlfühlen“ durch eine Vergrößerung meines „Seins“, durch eine stärkere Fokussierung auf Dinge, die eben nicht mit Geld zu bezahlen sind wie langfristige Zufriedenheit, Freundschaften, Glück, Liebe, Wissen, Weisheit etc.

Welche der Alternativen ich auch wähle:
Jedenfalls werde ich bewusst aktiv, ergreife Initiativen, agiere statt zu re-agieren und nehme mein Leben in die eigene Hand.

  1. Psychologie

Ob ich – nach dem oben Gesagten – zu den Verlierern, den Ausweichlern oder den Gestaltern gehöre, lässt sich zum einen psychologisch begründen, andererseits aber auch ebenso psychologisch-therapeutisch gestalten.

Aus der Entwicklungspsychologie ist bekannt, dass wir in unseren jungen Jahren alleine nicht lebensfähig, sondern sehr stark von unserer direkten Umgebung (Eltern etc.)  abhängig sind.
Zudem erfahren wir eigene Gefühle viel früher als eigene Gedanken.

Wir tun zunächst alles, damit unsere Eltern uns lieben und nicht unbedingt das, was wir wollen, denn wir wollen uns ja wohl fühlen. So hart es klingen mag:
In unseren jungen Jahren leben wir das Leben Anderer (Familie, Kindergarten, Schule etc.) und das, was wir er-leben dient uns als Modell für unser eigenes Leben.
Es ist dies die Zeit, in der unsere Psyche geformt wird, in der wir unsere Glaubenssysteme entwickeln, in der wir „domestiziert“ werden, in der wir lernen, zu gehorchen, uns so zu benehmen, „wie es sich gehört“.

 

Um in meinem Kontext zu bleiben:
Von klein auf erleben wir Situationen, weniger das Wann und Wo, als vielmehr den sozialen Kontext und die Rückmeldungen unserer frühen Beziehungspartnern zu unserem Verhalten („Das darfst du nicht“…“wenn du…, dann….) und wenn wir uns verhalten wie gewünscht, bekommen wir die von uns so gewünschten und benötigten Streicheleinheiten.

Unsere weitere Entwicklung wird dann entscheidend davon beeinflusst, einerseits ob unser „Wert“ erkannt wird, ob sich jemand für unsere Fähigkeiten und Talente interessiert, ob jemand unsere eigene Entwicklung fördert und andererseits, wie selbstreflektiert wir in der Lage sind (bzw. dahin gebracht werden), unseren ganz eigenen Weg zu finden und zu beginnen, unser Leben zu leben und nicht länger nur das Leben der Anderen. Deutlich „NEIN“ sagen zu lernen.

  1. Pädagogik

Pädagogik, wie sie sich heute an unseren Schulen und Universitäten zeigt, trägt dem oben Gesagten in keiner Weise Rechnung. Und traurigerweise leben wir immer noch in einer Gesellschaft, in der die sogenannten Leistungsträger eine Beschäftigung mit sich selbst, dem eigenen Selbst, als esoterische Spinnerei abtun. In der die Nicht-Leistungsträger aber auch immer bewusster werden, dass für unseren Fortbestand ein Ausblenden der hier geschilderten Thematik nichts mehr nützt.

 

Dr. Karlheinz Thunemann

  1. Quellen

[1] Damasio, Antonio; „Selbst ist der Mensch“; Siedler 2010
[2] Staemmler, Frank-M; „Das dialogische Selbst“; Schattauer, 2015
[3] Sartre, J.-P.; „Das Sein und das Nichts“; Reinbeck, 1987
[4] Viktor E. Frankl; „…trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“;
Kösel, 2009
[5] Csikszentmihalyi, Mihaly; „Das Flow-Erlebnis“; Clett-Cotta, 1985
[6] Michl, Werner; „ Erlebnispädagogik“; Reinhardt, 2009

 

Dr. Karl-Heinz Thunemann  arbeitete von

1978 – 1980    als wissenschaftlicher Assistent an den jeweiligen Lehrstühlen für Theoretische Chemie der Universitäten Bonn, Wuppertal und Siegen

ab 1/1981  Aufnahme der Tätigkeiten in der Bonndata GmbH / Bonn.

ab 1/2001   Aufnahme der Tätigkeiten in der Bonner Akademie GmbH

ab 3/2003   Mitarbeiter der Personalentwicklung der Zurich Gruppe Deutschland (innerhalb der Bonner Akademie)

ab 1/2012   Eigentümer der Firma changeLife                                                        http://www.changelifecoaching.com/

ab 1/2012     Lehrbeauftragter der FH Köln für Projektmanagement

ab 1/2014    Lehrbeauftragter der VHS Neuwied für Beziehungs-, Projekt-

und Selbstmanagement

ab 10/2015   Ehrenamtliche Tätigkeit für den Senior Expert Service in Bonn

Nach der langjährigen Fokussierung auf Projekt- und Peoplemanagement beschäftigt mich in letzter Zeit zunehmend mehr das Selbstmanagement: Ich stelle fest, dass in Zeiten steigender Komplexität und Geschwindigkeit immer mehr Menschen orientierungslos und für jede Unterstützung dankbar sind. Ferner stelle ich in den von mir durchgeführten Bausteinen im Rahmen von Bachelorstudiengängen fest, dass unter Jugendlichen ein erhebliches Defizit an Planungskompetenz besteht und die Arbeit mit persönlichen Zielen weitgehend unbekannt ist.

Dr. Karlheinz Thunemann