Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?

Lange habe ich überlegt, ob ich das hier erzählen soll. Es geht schließlich um Menschen, die ihre Privatsphäre haben. Darum wird es jetzt auch keine Namen hier geben. Sie tun auch nichts zur Sache. Ich bin in Kontakt gekommen mit zwei syrischen Flüchtlingen, die seit etwas mehr als einer Woche im Lager in Traiskirchen leben. In einem Acht-Mann-Zelt. Zwei Cousins in ihren 30ern, beide direkt aus Damaskus. Beide hatten gut dotierte und verantwortungsvolle Jobs mit Karriereaussichten, der eine bei der Bank of Jordan Syria, der andere bei der syrischen Niederlassung der Qatar National Bank. Beide sind sie jung verheiratet, einer von ihnen hat einen fünf Monate alten Sohn. Ihre Angehörigen sitzen noch zu Hause und warten. Ich habe die Fotos der Frauen und des Kindes gesehen. Die jungen Männer möchten in Österreich bleiben, hier arbeiten und ihre Frauen und das Kind so rasch wie möglich nachholen. Sie wissen, daß das dauern wird. Und das zehrt an ihren Nerven.

Für den Jungvater war von Anfang an klar, die Flucht alleine anzutreten. Sein Cousin plante es zuerst gemeinsam mit seiner Gattin. Als sich herausstellte, unter welchen Umständen sie auf einem Seelenverkäufer von der Türkei übers Meer nach Griechenland gelangen würden, meinte er, ihr das nicht zumuten zu können und bat sie, zu Hause zu warten. „Wir haben uns gut tausend Mal erkundigt, wie so eine Flucht aussehen würde, und wir waren auf Vieles vorbereitet. Aber diese Atmosphäre und diese Stimmung auf dem Boot, das kann wirklich niemand beschreiben!“. Außerdem wurde ihnen von ihren Schleppern auch noch das Wenige, das sie mithatten, abgenommen. Damit die Reise für sie „sicherer“ wäre. Seit er nun in Österreich ist, fühlt er sich endlich wirklich sicher. Aber er schläft schlecht in der Nacht, weil er sich Sorgen um seine Frau macht. Regelmäßig schlagen die Raketen ein. Sein Cousin meint, sie hätten es oft genug erlebt, daß man die Raketen kommen hört. Dann kann man nur mehr warten, ob es einen selber trifft – oder den Nachbarn. Seine ehemalige Wohnung hatte eines Tages drei Raketentreffer erhalten. „Die halbe Küche war weg“, erzählt er. „Dort hatten wir jetzt plötzlich einen Balkon!“. Humor selbst noch in lebensbedrohlichen Situationen. Dann wird er wieder ernst: „Ich habe mich jeden Tag in der Früh von meiner Frau verabschiedet. Ich wußte nicht, ob ich sie am Abend noch wiedersehen werde“. Beide hatten auch extremes Glück: Ihre Bürogebäude wurden kurz hintereinander jeweils erst nach Dienstschluss von Raketen getroffen. „Ich bin um vier gegangen, zehn Minuten nach vier war das ganze Gebäude zerstört“, erzählt der eine. „Wäre die Rakete eine Viertelstunde früher gekommen, dann hätte sie alle Mitarbeiter getötet“. Sein Cousin berichtet wiederum: „Eines Tages hatten wir bei uns zu Hause plötzlich Maschinengewehrkugeln im Schlafzimmer. Die waren durchs Fenster gekommen. Also haben wir fortan am Gang geschlafen. Da waren wir geschützter“. Ich lerne auch, daß es tatsächlich etwas gibt, das wir nur aus Hollywoodfilmen kennen und gerne als „Fake“ einstufen: Gewehrkugeln pfeifen. Die Beiden haben es mir bestätigt. An einem militärischen Checkpoint entbrannte eines Tages in der wartenden Kolonne vier Fahrzeuge vor ihnen plötzlich eine Schießerei zwischen den Insassen zweier Autos. Da waren dann tatsächlich auch die Kugeln zu hören.

Sie erzählen diese Geschichten mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der wir über das Wetter plaudern. Und irgendwie so ganz nebenbei erzählt der eine, daß er eines Tages auf Parkplatzsuche plötzlich von einem anderen Auto angehupt wird. Er denkt einfach, dem anderen irgendwie im Weg zu stehen und fährt ein paar Meter weiter. Plötzlich wird aus dem fremden Auto geschossen. Er drückt das Gaspedal durch und rast davon. Gleich darauf ereignet sich hinter ihm eine ohrenbetäubende Detonation. Er war soeben im letzten Moment einem Selbstmordattentäter entkommen…

Die beiden Herren haben eine ausgezeichnete Ausbildung, sie waren auf der Karriereleiter bestens unterwegs, sie haben sich und ihren Angehörigen einen gehobenen Lebensstandard geschaffen. Den sie so vielleicht nie wieder erreichen können. Das gibt man nicht leichtfertig auf. Sie haben auch lange gewartet und gehofft, daß sich die Lage bessert. Ich habe nachgefragt, warum wir gerade jetzt eine so große Welle an Flüchtlingen erleben. Und sie haben eine ganz einfache Erklärung dafür: „Die meisten Menschen in Syrien sind eigentlich schon viel länger auf der Flucht, aber innerhalb des Landes“. Viele ihrer Freunde hätten in den letzten Jahren drei oder vier Mal den Wohnsitz gewechselt. Auch sie selbst sind umgezogen. Immer wieder in Gegenden, die halbwegs sicher schienen. Diese Gegenden gibt es in Syrien aber inzwischen nicht mehr.

Sie loben sogar noch das Lager in Traiskirchen, obwohl sie zwischendurch von Zuständen berichten, die man lieber gar nicht beschreiben möchte. „Im Vergleich zu dem, was wir unterwegs an Lagern gesehen haben, können wir wirklich zufrieden sein, jetzt hier sein zu dürfen“. Sie waren übrigens von Belgrad bis zur österreichischen Grenze zu Fuß unterwegs gewesen. „Und wenn wir schon durch so viele Länder reisen, dann dachten wir uns, probieren wir doch jeweils die lokalen Biere“. Und nennen mir gleich einmal ihre bevorzugten Sorten aus Griechenland und Serbien. Sie bezeichnen sich selbst nicht als religiös, kommen aus einem eher christlich geprägten Hintergrund: „Ja, natürlich essen wir da alles, auch Schwein. Sehr gerne sogar! Und wir haben auch schon den Traiskirchner Wein probieren können“. In Griechenland hätte sie ein Sandwich-Verkäufer einst übrigens drei Mal darauf aufmerksam gemacht, daß in ihren Brötchen Schweinefleisch wäre, grinst der eine amüsiert.

Und sie haben natürlich viel Glück gehabt, ihren Weg durch Ungarn unbeschadet zu überstehen. „Hier in Österreich können wir uns nach langer Zeit zum ersten Mal wieder sicher fühlen!“, höre ich ein weiteres Mal, und das obwohl sie in Nickelsdorf gleich einmal Bekanntschaft mit einem überforderten Polizisten machen mußten, der sie entnervt niedergebrüllt hatte. Sie sind ihm nicht böse. Sie wissen, was er in diesen Tagen leisten muß. Und sie loben immer wieder die Österreicher und sind nahezu beschämt von der Welle an Hilfsbereitschaft, die sie selber tagtäglich rund um das Lager erfahren können.

Jetzt warten sie auf ihre „White Card“, die im Laufe dieser Woche kommen sollte. Dann können sie sich auch Hilfe bei einem Anwalt suchen, der auf Asylrecht spezialisiert ist. Dank der vielen Wissenden, die auf Facebook vernetzt sind, konnte ich ihnen drei in Frage kommende Juristen nennen. Und eine Hilfsorganisation, die sich ebenfalls dem Thema widmet. Inzwischen haben sie angefangen, Deutsch zu lernen, und haben schon Ideen für Projekte, die sie gerne in ihrer neuen Heimat ausprobieren wollen. Und die, hoffen sie, wird Österreich sein. „Und wenn dann endlich meine Frau und mein Sohn hier sind, dann fahren wir durch alle Bundesländer und besuchen die wichtigen Städte. Wir müssen Euer Land ja auch gut kennenlernen. Also – unser neues Land…“

Ja, so sehen sie also aus, die islamistischen Terroristen und Kriminellen, vor denen wir derzeit im Wahlkampf gewarnt werden. Und so sehen sie aus, die Wirtschaftsflüchtlinge, vor denen unser Herr Außenminister inzwischen Angst bekommen hat. Ich bitte um Pardon, aber ich fürchte mich trotzdem immer noch nicht vor ihnen…

Mit freundlicher Genehmigung von

Stefan Tanzer – Wien